Steampunk, das ist lebendig gewordene Jules-Verne-Science-Fiction, die heute längst zu den amtlich anerkannten Subkulturen gerechnet werden darf. Hier ein Überblick über eine internationale Szene, die auch in Kassel, eine halbe Autostunde von Göttingen entfernt, längst Fuß gefasst hat.

Text: Helena Muhm, Foto: Hans-Heinrich Breuer

 

Dunkelheit, Frack und Zylinder, Zahnradoptik, wundersame Fluggerätschaften und Dampfmaschinen. Herzlich willkommen im Steampunk! Hier ist der Name Programm, denn in den englischen Wörtern „steam“ (Dampf) und „punk“ (wertlos, schäbig) schwingt die Bandbreite dieses Phänomens anschaulich mit. Obwohl Steampunk in Deutschland noch eher unbekannt ist, dürfte fast jeder schon auf die eine oder andere Weise damit in Berührung gekommen sein; denn das Genre hat nicht nur in Mangas, Comics und Büchern (von Jules Verne bis zur Æther-Reihe von Anja Bagus), sondern längst auch in der Gaming-Szene (Guild Wars 2) unter Rollenspielern (Victoriana), in Filmen ( z. B. Sky Captain and the World of Tomorrow) und als Musikgattung (z. B. Abney Park) Spuren hinterlassen, ja sogar die Fernsehwerbung (z. B. Saturn Dampf-Tyrannosaurus) nutzt den charakteristischen, viktorianisch anmutenden SF-Steampunk-Stil.

 

Mode und Ästhetik

Bezeichnend für Steampunk ist die Vermischung moderner Technik mit den ästhetischen Vorstellungen des viktorianischen Zeitalters, die weltweit zahllose Steampunks inspiriert, die sich dann auch rege austauschen. Vorrangig natürlich im Internet, wo beispielsweise der sogenannte „Rauchersalon“ mit seinen über 3000 Mitgliedern als eines der größten deutschsprachigen Online-Foren zu diesem Thema zu nennen wäre. Auch in der Facebook-Gruppe „Steampunk Germany“ tummeln sich derzeit etwa 5100 Mitglieder. Längst sind die Steampunks aber auch in der Öffentlichkeit zu sehen, sei es auf den großen Wave- und Gothic-Festivals, in Clubs oder bei kleineren Treffen der Szene.

Zu erkennen sind sie an ihrem charakteristischen Kleidungsstil, der wiederum die Mode des viktorianischen Zeitalters aufgreift und dies mit japanischen Elementen, Gothic und Wave bis hin zu Cowboy-Einflüssen vermischt; am Ende sollte es nach altertümlichem Abenteuer, Schiffsmechaniker und einem Hauch Downton Abbey aussehen. Als Frau heißt das: Extravaganz trifft Eleganz – Röcke mit Korsetts, dazu Reit- oder Fliegerjacken und elegante Handschuhe. Bei den Männern geht es schlichter zu: ein Anzug mit einer Weste, darüber ein Mantel und Lederstiefel. Ergänzt wird dies durch allerlei technisch anmutende Accessoires und Gimmicks, die von uhrwerkbetriebenen Armen bis hin zur obligatorischen Fliegerbrille, den Goggles, reichen. Häufige Accessoires für beide Geschlechter sind Zylinder und Fliegerhelme sowie Taschenuhren und Werkzeuge, wie beispielsweise rostigen Eisenstangen, Vorschlaghämmer oder Rohrzangen. Darüber hinaus findet sich am typischen Steampunker meist auch die ein oder andere reich verzierte Spielzeugwaffe: elegante Pistolen für den Herrn oder, in handtaschengroßen Versionen, für die Dame. Unter Liebhabern hat sich für all dies längst ein eigener Slang entwickelt, der den Benutzer in fiktive Steampunk-Universen entführt: Ein Fotoapparat wird schon mal zum Ikonographen, der handelsübliche USB-Stick zum Informationskabinett. Wenn es eben geht, das versteht sich von selbst, sind die detailverliebten Outfits natürlich selbst gebastelt, selbst entdeckt oder zumindest selbst verschönert.

 

Kassel unter Dampf

Im 50 Kilometer südlich von Göttingen gelegenen Kassel hat sich eine eigene Steampunk-Szene gebildet. Im September 2016 wurden die Facebook-Gruppen „Steampunk in Hessen“ und „Victorian Steampunk in Frankfurt am Main“ unter dem Namen „Hessische Gesellschaft für Ætherreisen“ (HeGÆ) zusammengelegt. Hessens Steampunker versammelten sich hier, um sich über Veranstaltungen, News und aktuellste DIY-Projekte auszutauschen. Inzwischen sind in der HeGÆ etwa 250 Steampunks versammelt, die durchaus nicht nur aus Hessen kommen. Am 02.09. lud die HeGÆ zum ersten „An art walkabout of steam“ ein, an dem etwa 40 Steampunker aus dem Kasseler Umland, aber auch aus Hamburg, Köln und Hannover teilnahmen. Der Walkabout startete vom Naturkundemuseum aus durch die Karlsaue, wo die Gruppe leider vom Regen überrascht wurde, sodass man ins Technikmuseum umzog.

Neben dem Ehepaar Chantal und Daniel Lutz ist Zedena von Tharendt eine der Hauptorganisatoren der HeGÆ. Zedena heißt mit bürgerlichem Namen eigentlich Alexandra Voss, geht jedoch so in der Welt des Steampunk auf, dass sie dort nur unter ihrem Künstlernamen bekannt ist und sich diesen sogar in ihren Personalausweis eintragen ließ. Der Name Zedena von Tharendt hängt eng mit der Heimat und Geschichte der jungen Frau zusammen, die sich für die sächsische Herzogin Sidonie von Böhmen begeistert und in der sächsischen Kleinstadt Tharendt aufwuchs. Ihre Leidenschaft für Steampunk begann vor sechs Jahren mit den Lady Mechanika Comics des amerikanischen Comiczeichners Joe Benitez. Inspiriert durch die Comic-Heldin, kaufte sie sich ihr erstes Korsett und durchstöberte das Internet, wo sie auf den „Rauchersalon“ aufmerksam wurde. 2012 knüpfte sie dann beim ersten deutschen Steampunkfestival, dem Aethercircus, ihre ersten Offline-Kontakte. Fragt man Zedena, was sie am Steampunk fasziniert, erklärt sie: „Ich liebe diese Ästhetik, das viktorianische Zeitalter. Außerdem mache ich gern Dinge selbst, was sich ebenfalls gut für den Steampunk nutzen lässt.“

 

DIY

Dieser Do-It-Yourself-Gedanke ist eines der grundlegenden Elemente im Steampunk. Alles, was man beispielsweise auf Flohmärkten oder Schrottplätzen findet, wird recycelt. So wird aus den Einzelteilen eines kaputten Weckers schnell mal ein steampunktaugliches Schmuckstück. Ihre DIY-Projekte dokumentieren die Steampunker minutiös im Internet – inklusive Bilder, Beschreibungen und YouTube-Videos. In genauen Schritt-für-Schritt-Anleitungen wird gezeigt, wie man komplizierte Steampunk-Artefakte selber nachbaut. Auch dieser Informationsaustausch ist ein zentraler Gedanke des Steampunks. Die Bastler-Ikone überhaupt ist der amerikanische IT-Manager Jake Slattery, besser bekannt als Jake von Slatt. Regelmäßig zeigt er auf seinem Blog neue Eigenbaukreationen. Den Gedanken des Do-It-Yourself nennt er „Viktorianische Selbstverwirklichung“. Auch Zedena wagt sich immer wieder an neue DIY-Projekte. Ihr aktuelles und bisher größtes Projekt ist ein Faun-Outfit, dessen Teile sie vom Rock bis zu den Gamaschen, Fellbeinen und Hufen in mühevoller Arbeit zum größten Teil selbst hergestellt hat.

Also dann, der Äther ruft! Wer sich dieser faszinierenden Form der Freizeitgestaltung widmen möchte, der ist eigentlich nur ein paar Klicks von der nächsten Website oder einem anschaulichen YouTube-Video entfernt.

 

Steampunk-Wörterbuch

Anbarisch: elektrische Phänomene, bzw. Geräte
Äther: Phänomene des Lichtes und der Elektrodynamik
Ikonograph: Fotoapparat
Informationskabinett: USB-Stick
Kinematograph: Kino, jegliche Art der Darstellung von bewegten Bildern
Marconiphon: Radio, Mobilfunk und Mobiltelefone

 

Neugierig?

Make-up-Tutorial: goo.gl/fXVfuy

Steampunk-Zylinder-Tutorial: goo.gl/SQPc9H

Der Clockworker – das Steampunk-Online-Magazin: www.clockworker.de

Die deutsche Steampunk-Szene auf Facebook: www.facebook.com/groups/steampunk.germany

Zedena von Tharendts Blog: www.zeitunschaerfe.de

Jake von Slatts Blog: www.steampunkworkshop.com