Ein Gedicht schreiben, es vortragen und dann auch noch sofort bewertet werden – diese Art von Autoren-Mutprobe nennt sich Poetry Slam und bietet seit vielen Jahren analoge Abendunterhaltung, die längst dem germanistischen Underground entwachsen ist.

Text: Hannah Tullius / Foto: Fabian Stuertz

Poetry? Das ist doch Dichtung, oder? Lyrik? Dazu nachts Spaß zu haben, das erschien lange allen, die nicht ohnehin bei der Erinnerung an grausige Gedichtinterpretationen im Deutschunterricht längst auf der Flucht waren, lange als fragwürdige Idee.

Ob sich deshalb ein unbesungener Lyrik-Fan irgendwann das Konzept des Poetry-Slams ausgedacht hat, um gewissermaßen ohne Selbsthilfegruppe den Weg aus der Einsamkeit zu finden, ist zwar unbekannt, aber ganz sicher zeigen Poetry-Slams heute, dass Dichtung, Lyrik und kurze Prosaformen nicht nur jede Menge Ruhm einbringen können, sondern sogar richtig spannend sind. Und das nicht erst, seit Julia Engelmann mit ihren lebensbejahenden Themen den Poetry-Slam 2013 erstmals auf breiter Front mainstream-tauglich machte.

Beim Poetry-Slam – mehr oder weniger einem Dichter-Wettstreit der Neuzeit – hat nämlich jeder die Chance, seine Dichtkunst einem durchaus kritischen Publikum zu präsentieren. Regeln stehen dabei zwar nicht im Mittelpunkt, sind aber vorhanden. So ist zwar keine bestimmte Textform vorgegeben, aber die individuelle Performance muss in der Reinform meist ohne Kostüme oder Requisiten auskommen, und Drama entsteht lediglich durch Stilmittel wie Pausen, Flüstern oder Schreien. Ob der Text frei vorgetragen oder vorgelesen wird, ist dann wieder meist egal, er muss nur selbst verfasst sein und darf den gegebenen Zeitrahmen – meist drei bis sieben Minuten – nicht überschreiten. Thematisch ist beim Poetry-Slam alles erlaubt, wobei Humor und Satire natürlich oftmals eher Zuspruch finden als eine sehr lyrische Performance.

Im deutschsprachigen Raum sind Poetry-Slams meist als Wettbewerbe organisiert; das ist einfach spannender. Sie finden in Theatern, Kneipen und Bars, aber auch auf Riesenrädern oder in Kirchen statt. Viele Veranstalter setzen dabei auf die sogenannten Slam-Revues, bei denen man sich erst direkt bei der Veranstaltung in eine offene Liste für die Teilnahme einträgt.

In Deutschland sind die Wettbewerbe in Landesmeisterschaften gegliedert, deren Gewinner dann unter sich die Meisterschaft für den ganzen deutschsprachigen Raum in den Kategorien Einzel- und Gruppenwertung sowie U20 aus-„slammen“. Diese Meisterschaft findet seit 1997 in wechselnden Städten mit Teilnehmern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Südtirol statt. Im Oktober 2019 wird beispielsweise die 23. Meisterschaft in Berlin ausgetragen. Als Preise winken offiziell zwar nur ein Apfelbaum und Whiskey, jedoch ist die Meisterschaft oft ein Sprungbrett in die literarische Welt. Das berühmteste Beispiel dafür ist Marc-Uwe Kling, der 2006 und 2007 die Meisterschaft gewann und mit seinem Buch „Die Känguru Chroniken“ zum bekannten Autor und Liedermacher wurde. Aktuell hält den Titel der Einzelwertung 2018 der 22-jährige Duisburger Jean-Philippe Kindler, der zurzeit mit seinem Soloprogramm „Mensch ärgere dich“ auf Tour ist.

Bei anderen Wettbewerben gibt es aber auch Preisgelder oder andere Prämien, wobei die materiellen Gewinne für die Szene jedoch nicht im Mittelpunkt stehen, da es tatsächlich um die Qualität und Kreativität ihrer Texte selbst geht. So ist auch die Punktewertung oft nicht so relevant wie beispielsweise bei einer Eiskunstlaufkür. „The point is not the points, the point is the poetry“ lautet das Motto der Poetry-Slammer.

Stand anfangs bei den Slams weniger der Inhalt der Texte im Fokus, weil das Publikum eher das literarische Werk, die sprachliche Schönheit, Wortwitz und Schlagfertigkeit bewertete, wandelt sich das gerade spürbar. Denn nicht nur bei den deutschsprachigen Meisterschaften 2018, sondern auch bei vielen anderen Slams wird eine zunehmende Politisierung der Kunstform erkennbar. Themen wie Mindestlohn oder #Metoo liegen im Trend. Eine Entwicklung, die auf der internationalen Ebene noch stärker ausgeprägt ist; in den USA stehen sozialkritische Themen noch viel mehr im Fokus, und Poetry-Slams geben ethnischen, sexuellen und sozialen Minderheiten eine Plattform, um Geschlechterverhältnisse, Klasse, Diskriminierung, Krieg oder Religion zu thematisieren.

Generell versucht jeder, der bei einem Poetry-Slam vorträgt, bei seinem Publikum Emotionen zu wecken, ihm Identifikationsmöglichkeiten anzubieten, es zu begeistern oder zu provozieren und in seinen Bann zu ziehen, denn das Publikum entscheidet am Ende, wer den Abend für sich gewinnt. Umso wichtiger ist es für die Slammer, ihre Texte auf ihr Publikum zuzuschneiden, um es auch zu erreichen. Doch das wird schwieriger. Besuchten vor Jahren noch hauptsächlich Germanistik-Studenten die Slams, ist das Publikum heute bunter und je nach Motto des Abends vielleicht eher durch gemeinsame Auffassungen zu politischen oder gesellschaftlichen Fragen geeint.

Welche Wirkung das Medium Poetry-Slam entfalten kann, zeigt sich daran, dass sogar Gruppen, denen man sonst wenig Interesse an alternativen Kunstformen zutraut, es für sich nutzen wollen. So sorgte der Auftritt der Tochter einer AFD-Bundestagsabgeordneten in Speyer für Aufsehen, als die 14-Jährige den Rahmen einer Veranstaltung für Zivilcourage für fremdenfeindliche und rassistische Aussagen nutzte. Sie hätte den Wettbewerb sogar gewonnen, die Veranstalter beschlossen jedoch, ihr den Sieg wegen ihrer Inhalte abzuerkennen.

Auch die Kommerzialisierung des Slams ist in der Szene umstritten. Poetry-Slams sind längst kein Underground mehr, sondern rangieren eher unter der Rubrik solide Abendunterhaltung; denn Poetry-Slammer sind heute gern gesehene Gäste im Fernsehen oder tragen sogar mit eigenen Formaten zum Abendprogramm bei, und viele Fans bezweifeln, ob der Poetry-Slam jenseits der Bühnen kleiner Locations noch seinen ursprünglichen, authentischen Charakter beibehalten kann. Obwohl man von Mario Barth noch weit entfernt ist, gleichen viele Slams inzwischen eher Stand-up-Comedy-Shows, und der Witz hat das Wort längst in den Hintergrund gedrängt. Die Popularität ihrer Kunstform hat viele namhafte Slammer längst auch zu anderen Formen der Literatur oder Bühnenunterhaltung geführt. Moritz Neumeier ist jetzt Stand-up-Comedian und Youtuber, Felix Lohbrecht wurde mit seinem zweiten Soloprogramm ebenfalls zum erfolgreichen Stand-up-Comedian und Autor, und Sophie Passmann arbeitet heute als Autorin und Radiomoderatorin. Andere Poetry-Slammer widmen sich jetzt wiederum vorrangig der Musik, wie z. B. die Mitglieder der Band „Das Lumpenpack“, denen man die Erfahrung im Slam bei ihren Auftritten anmerkt, oder Jason Bartsch, der bei seinen Liveauftritten Musik und Lyrik vereint.

Längst ist der Poetry-Slam auch mutiert, und es gibt beispielsweise Science-Slams, bei denen wissenschaftliche Ergebnisse in prägnanter und unterhaltsamer Form präsentiert werden. Offene oder thematisch orientierte Lesebühnen laden Menschen ein, ihre eigenen Texte zu präsentieren.

Auch in Göttingen gibt es bereits seit vielen Jahren Poetry-Slams. Im Jungen Theater findet etwa an jedem letzten Sonntag im Monat ein Slam statt, dessen Gewinner sich für die niedersächsischen Landesentscheide qualifizieren. Das Nörgelbuff lädt regelmäßig zum SprachlabOhr ein, eine „Slam-ähnliche“ Veranstaltung ohne Wettbewerbscharakter, und dieselben Veranstalter organisieren auch den Wörtertriathlon im Stadion.
Sich einen Text zu überlegen und diesen dann auch noch einem Publikum vorzutragen, schlimmstenfalls sogar im Wettbewerb mit anderen Autoren, das mag so manchem als viel zu große Hürde erscheinen, aber wer sich einmal „getraut“ hat, der weiß, dass jeder Zuhörer ahnt, was für Emotionen dem Menschen auf der Bühne da gerade durch den Bauch wirbeln, und das wird mindestens schon einmal mit Wohlwollen quittiert. Und wer lieber zuhört, der kann bei den Poetry Slams der Göttinger Szene allein oder mit Freunden einen gänzlich analogen Abend mit oft überraschend unterhaltsamen und eigentlich immer ziemlich kreativen Menschen verbuchen.

Die nächsten Slams im Jungen Theater: 28.04., 26.05. und 23.06.
Weitere Informationen über Göttinger Termine:
www.poetryslam-goettingen.info