Die Einbecker StreetArt Meile bietet Street-Art und Graffiti live und zum Anfassen. Vom 23.-25.08. zeigt eine internationale Gruppe von Künstlern, was dabei herauskommen kann, wenn eine Stadt beschließt, sich selbst zu verschönern.

Text: Emilia Dette | Fotos: Young Art, privat

Es mag sein, dass Graffiti immer noch nach Skateboard-Platz, Großstadtecke, Zugwaggon und ein wenig Illegalität klingt, doch heute geht es dabei längst auch um echte Kunst – Street-Art nämlich. Und davon gibt es seit 2014, als ein paar engagierte Selbermacher die erste StreetArt Meile (SAM) in Einbeck organisierten, nur 20 min Zugfahrt von Göttingen entfernt, eine ganze Reihe beeindruckender Werke zu bewundern. Auch 2019 verschönern wieder viele überregional und international bekannte Künstler unter dem Motto „legal ist genial“ gänzlich ehrenamtlich die Fassaden und Straßen der südniedersächsischen Kleinstadt.

In Einbeck spazieren zu gehen, das heißt auch schon mal, einem Affen, einem Leoparden oder bunt bemalten Fahrzeugen zu begegnen; denn seit 2014 gehören farbenfrohe Fassaden genauso zu Einbeck wie das berühmte Bier oder der PS-Speicher. Damals veranstaltete die Initiative „YoungArt in Einbeck“ zum ersten Mal  die SAM. Inzwischen ist die Stadt nicht nur die regional größte Open-Air-Galerie, Sommer für Sommer reisen auch wieder internationale Graffiti- und Street-Art-Künstler an, um die Spraydose zu „schwingen“. Bis heute haben sie 36 sogenannte Artspots sowie einen Bus und mehrere Autos in öffentliche Kunstwerke verwandelt. 

„Die StreetArt Meile ist sowohl für die Künstler als auch für uns immer etwas ganz Besonderes“, erzählt Patricia Keil, Mitglied des dreiköpfigen Organisationsteams, das die Veranstaltung, unterstützt von vielen ehrenamtlichen Helfern, Jahr für Jahr auf die Beine stellt. „Für die Künstler ist das Wochenende wie Urlaub“, erzählt sie. „Sie leisten keine Auftragsarbeit, sondern haben eine freie Wand zur Verfügung, an der sie sich in aller Ruhe austoben können. Das ist heute selten. Zwar arbeiten sie ohne Honorar; Verpflegung, Unterkunft, Anfahrt und Spraydosen werden jedoch finanziert. Das und die familiäre Atmosphäre sorgen dafür, dass viele der Künstler immer wiederkommen. Die kennen sich ja auch untereinander und treffen sich dann halt hier in Einbeck.“

Dieses Wir-Gefühl ist auch für die Organisatoren wichtig. Genauso wie die Künstler genießen sie die gemeinsamen Mahlzeiten und tragen das SAM-T-Shirt, dessen Logo jedes Jahr von einem der teilnehmenden Künstler entworfen wird. Wie sehr sich die Freude über die kreativen Ergebnisse auch in ganz Einbeck durchgesetzt hat, zeigt sich immer wieder an der Unterstützung durch die zahlreichen Ehrenamtlichen und Sponsoren, ohne die das Festival gar nicht zu realisieren wäre. So stellt der Italiener um die Ecke das Mittagessen für die Künstler bereit, oder die W. Schnitger GmbH aus Northeim die Arbeitsbühnen, mit denen auch in 40 Metern Höhe noch gesprayt werden kann. Außerdem wird jedes einzelne Projekt von der jungen Filmcrew „StepOutFilms“ filmisch dokumentiert. Nicht zu vergessen sind auch diejenigen, die ihre Hauswand in die Hände eines für Einbeck meistens neuen Künstlers legen.

Im Allgemeinen verhielten sich die Einbecker sehr wohlgesonnen und offen, wenn es darum ginge, ihre Wände zur Verfügung zu stellen, berichtet Patricia, wobei es natürlich immer möglich sein, eine Wand auch wieder zu überstreichen. Das war jedoch bis heute nie nötig – vermutlich weil die Künstler der SAM nicht umsonst zu den wirklich bekannten Namen der Szene gehören.

„Dass wir es bisher relativ leicht hatten, neue Wände zu finden, liegt auch daran, dass die Einbecker wissen, dass wir  verlässlich sind und  die Stadtentwicklung im Sinn haben“, erklärt die Mit-Organisatorin der SAM. „Es geht uns darum, die Stadt zu beleben und nachhaltig kreativ zu gestalten. Dabei sind wir beispielsweise auch gar nicht auf Graffiti festgelegt.“ So waren bereits in den letzten Jahren auch andere Kunstformen wie Acrylmalerei oder Airbrush-Kunst auf Mauern und Objekten wie Autos oder Bussen präsent, und da die verfügbaren großen Flächen für Graffitis langsam knapp werden, macht „YoungArt“ dieses Jahr einen wichtigen Schritt, und zwar in Richtung Installationen. Mit Anja Köhne ist eine Künstlerin eingeladen, die Street -Art ganz anders interpretiert (s. Bild oben rechts), und in den nächsten Jahren sind auch Lichtkunst-Installationen oder 3D-Graffitis denkbar.

Die SAM bleibt in Bewegung. In diesem Jahr gibt es deshalb mit „Einbecker Street Art schreibt Geschichte“ auch erstmals ein Motto, mit dem sich alle Künstler in ihren Arbeiten befassen werden. Bereits 2018 gestaltete Patricia selbst anlässlich des 380. Geburtstags der Einbecker Blaudruckkunst eine Wand in diesem Stil. Das kam gut an, nicht zuletzt deshalb, weil es die SAM auch für Menschen öffnete, denen der Bezug zur Street-Art fehlte. Eine Themenvorgabe birgt natürlich das Risiko, dass manche Künstler nicht kommen, weil es sie zu stark an eine Auftragsarbeit erinnert oder ihnen nichts Konkretes dazu einfällt. Deshalb hat Patricia gemeinsam mit dem Geschichtsverein eine kleine Liste mit inspirierenden Momenten der Einbecker Vergangenheit zusammengestellt; denn ihre Stadt hat natürlich viel mehr erlebt als nur Bierfässer und Blaudruck. „Ich gestalte eine Installation auf dem Haus der ehemaligen Formstecherei für Taptetenfabriken der Familie Raabe, die es hier in Einbeck gab. Mit Schülern, die sich mit Musterrollen ausprobiert und die Geschichte kennengelernt haben, werden wir Teile umsetzen“, erklärt Patricia, die selbst auch schon seit Jahren als Künstlerin tätig ist. „Ich denke an dreidimensionale Tapetenrollen.“ 

Ebenfalls neu ist 2019 der SAM „Art Campus“ auf dem Gelände der Jungen Linde in Einbeck. Unter dem Leitspruch „All you can paint“ gibt es dort einen Graffitiworkshop, Live Painting mit Maxim Seehagen, die Möglichkeit mitgebrachte Textilien zu gestalten, Kinderschminken im Graffitilook und Bodypainting mit Überraschungseffekten. Nebenbei werden Gegrilltes und Leckereien aus diversen Ländern angeboten, außerdem spielen zwei Bands. Auch hierfür muss kein Eintritt gezahlt werden; wie beim Rest der SAM freuen sich alle Beteiligten jedoch über Spenden.

Neben den Künstlern machen natürlich vor allem die vielen Besucher die Einbecker SAM aus. Auch in diesem Jahr hofft die „YoungArt“-Initiative darum wieder auf zahlreiche Neugierige, die die Graffitimeile zu Fuß oder auch mit Fahrrädern oder dem Graffitibus erkunden. Neben den Werken können die Besucher dabei vor allem den Künstlern live bei der Arbeit zusehen und miterleben, wie die teilweise großflächigen Kunstwerke im Verlauf der Festivaltage und oft sogar nachts im Licht von Flutscheinwerfern entstehen.

Dass sich die Initiatoren auf jeden Fall auch für die nächsten Jahre noch einiges vorgenommen haben, zeigt schon die Website www.weltkulturhauptstadt.de, auf der sich alle wichtigen Infos zu Künstlern und den bisherigen ArtSpots finden lassen.

 

Programm Street Art Meile

Angemeldete Künstler: 3.amomo, laduka_nera, cokeONE, Anja Köhne, The Black Apea, Angelo Artmond, Scek, KOarts, pARTicia, Maxim Seehagen, BET, Gosp und weitere

Sa. und So., ab 11 Uhr: Alle Spots sind besetzt. Führungen mit dem SAM-Guide zu Fuß, dem Fahrrad oder dem Graffitibus sind möglich. Genaue Zeiten www.ya-einbeck.de

Sa., ab 15 Uhr, Art Campus auf dem Gelände der Jungen Linde, Hubeweg 1: Graffiti-Workshop, Drum-Workshop mit Pepper, Live Painting, ARTCars, Graffitikinderschminken, Bodypainting, Chill & Grill und vieles mehr

Musik am Samstag:

15 Uhr Hexaphonics

17 Uhr Drum with Pepper

18 Uhr Trippple J und Victoria Strauß

20 Uhr Bronson und die Gang

22 Uhr OpenAirKino „whole train“

Das finale Programm: www.ya-einbeck.de

 

DOME

Christian Krämer (43) aus Karlsruhe ist seit 1994 unter dem Namen DOME in der Street-Art-Szene unterwegs. Er hat bereits Erfahrungen in Einbeck gesammelt.

 

Christian, du hast schon 2017 an der StreetArt-Meile mitgewirkt. Wie kam es dazu?

Philipp Jordan, ein befreundeter Künstler aus Karlsruhe, hatte mich empfohlen. Deshalb haben mir die Organisatoren der SAM geschrieben.

Welchen ArtSpot hast du damals gestaltet?

Meine Aufgabe war es, die Außenwand des Treppenturms der Deutschen Post zu gestalten. Ich habe mir dann überlegt, wie ich meine Kunst mit der Funktion dieses Gebäudes verbinden kann, und bin auf die Idee gekommen, den Schuh von Hermes, dem Götterboten, darzustellen. Diese im Grunde recht einfache Idee trägt den Titel „Man proposes, god disposes“. Ich benenne meine Werke immer auf Englisch, damit es jeder verstehen kann.

Wie würdest du die Atmosphäre in Einbeck beschreiben?

Die war wirklich toll. Das ganze Team war so herzlich, wie ich das bis jetzt selten erlebt habe. Normalerweise sind bei solchen Veranstaltungen alle immer sehr im Stress, aber dort haben sich alle viel Zeit genommen und wirklich gekümmert. Wir wurden zum Beispiel auch den ganzen Tag mit Essen versorgt. In meinen Augen kann man das nicht besser machen, ich würde es auf jeden Fall anderen Künstlern weiterempfehlen.

Bist du dieses Jahr wieder dabei? Wie stehst du zu der Themenvorgabe?

Ob ich dieses Jahr wiederkomme, ist noch unklar. Ich kann und will mich da nicht festlegen. Die Themenvorgabe finde ich nicht schlecht, gerade da sie ziemlich weitgefächert ist. Allerdings müsste es meines Erachtens auch keine geben, für mich fühlt sich das schnell wie eine Auftragsarbeit an. Aber da ist natürlich jeder Künstler anders, und jeder arbeitet aus einer anderen Motivation heraus.