Unser Trends+Fun Fotograf Terrence Giesler (23), gebürtiger Göttinger und normalerweise in den Clubs der Stadt zu Hause spricht im Interview über Träume, Helden, seinen Weg hinter die Kamera und das Gefühl nun im Partyfreien Corona-Zeitalter zu leben.

Interview: Gina Maria Kerger | Fotos: Terrence Giesler (@terrencegiesler)

Was denkst du über Göttingen?

Ich bin in Göttingen geboren, wurde von meiner alleinerziehenden Mutter aufgezogen. Mein Vater kommt aus Wasington D.C. in Amerika und daher kommt auch die Farbe, meine Mom ist weiß *lacht* ich hatte früher mal Kontakt zu meinem Vater aber der ist irgendwann eingeschlafen. 

Ich finde Göttingen ist eine super geile Stadt zum aufwachsen, einfach weil man so viele verschiedene Sachen auf kleinem Raum aber nicht zu kleinem Raum sieht. Man kann in Göttingen richtig viel entdecken und erleben wenn man klein ist aber man kommt halt trotzdem mit dem Fahrrad innerhalb einer Stunde von einem Ende zum anderen. Das war immer ganz schön als ich noch als Teenager immer zum Baggersee fahren konnte und abends in die Stadt. Das ging halt einfach mit dem Fahrrad. Von daher finde ich die Größe von Göttingen echt schön. Ich glaube auch für mich als Fotograf hat die Größe eine Rolle gespielt, wenn man gute Arbeit leistet hat man es hier relativ leicht. Ich glaube, mit der gleichen Qualität hätte ich es in einer Stadt Köln, Berlin oder Leipzig hätte ich es nicht so weit gebracht wie jetzt. Dass ich von einer Zeitschrift angesprochen werde spricht ja schon für sich selbst. Ich mache Clubfotos und dann kommt von hier und da immer so ein bisschen was.

Wo machst du deine Bilder?

Ich habe meine Kamera eigentlich immer dabei. Am Wochenende habe ich immer im Savoy, Amavi und Alpenmax Club Fotos gemacht, aber ich fotografiere auch Events wie die Eröffnung vom Freigeist Hotel, oder bekomme Aufträge von Red Bull, die Partys im ZHG, die Nikolausparty vom Göttinger Tageblatt habe ich gemacht und es kommen Portrait- und Hochzeitsanfragen. Manchmal filme ich auch, aber meistens fotografiere ich. Mit Red Bull war ich sehr viel in Norddeutschland unterwegs. Braunschweig, Bremen, Berlin, Hamburg und Wolfsburg. Mit denen komme ich viel rum.

Ansonsten hängst du in einigen Projekten von Göttingern mit drin. In unserem Dezember Heft haben wir über die Pechschwarz Jungs berichtet und da stammte unser Cover-Bild auch schon aus deiner Linse.

Ich finde es halt nice mit Leuten aus Göttingen zusammen zu arbeiten. Ich weiß nicht, ich finde es einfach gut wenn sich Künstler und kreative Köpfe hier in Göttingen zusammen tun. Ich habe auch mit Mika Kohlstedt etwas geplant. Der fängt gerade an mit Deutsch-Rap – macht da so ein bisschen sein Ding – und wird halt auch immer besser, holt sich nices Equipment. Die fangen an, immer professioneller zu werden. Der hat jetzt gerade frisch seinen ersten Song auf Spotify. Mit solchen Leuten arbeite ich einfach super gerne zusammen, weil ich immer das Gefühl habe, man hält zusammen. Wir sind alles irgendwie Künstler, wir sind irgendwie Träumer, die ihre Ideen haben. Und wenn man sich gegenseitig unterstützen kann, ein Netzwerk aufbauen kann, ist das gut. Mano – dem Fotografen mit dem ich seit ca. 4-5 Jahre zusammen arbeite – habe ich damals über Trends+Fun kennengelernt. Das Ganze und im Prinzip meine ganze Karriere hat damals im Savoy angefangen.

Wie bist du zum Fotografieren gekommen?

Als ich 14 war, habe ich mir die Canon 450D von meiner Mama zum Geburtstag gewünscht. Und weil es mit Geld damals etwas knapp war, habe ich etwas Geld selbst verdienen müssen. Aber das habe ich gerne gemacht. Das war ne Canon 7D damals, also ein Pro Body schon, größer, robust aus Magnesium. Und als ich sie in der Hand hielt, dachte ich mir: „Nice, so was will ich auch haben.“ Und davor fand ich es schon immer cool, Fotos zu machen. Das Gefühl, eine Spiegelreflex in der Hand zu haben, war einfach etwas gutes, hat sich natürlich angefühlt. Und dann hab ich beschlossen, ich brauch eine Kamera, hab mir die von meiner Mom gewünscht, etwas Geld zusammen gespart und die Kamera dann überall mit hin geschleppt. Auf irgendwelche Hauspartys von Freunden, wenn ich mit Freunden unterwegs war, hatte ich immer meine Kamera dabei. Das hat sich so ein paar Jahre hingezogen und ich bin nach und nach immer ein bisschen besser geworden. Und irgendwann war ich halt im Savoy und habe einen Klassenkameraden getroffen, der mit einer Kamera rumgelaufen ist und ich fragte ihn wer eigentlich die ganzen Fotos macht. Ich habe mit ihm gequatscht und dann er hat mir einen Kontakt gegeben  – so war ich drin in der Club Fotografen Szene. Natürlich hatte ich beim ersten Job Herzrasen. Mittlerweile ist es so, dass ich die Leute gar nicht mehr anspreche, die Leute sprechen mich an, weil sie die Fotos kennen. Die Clubs haben den Ruf, dass die Fotos gut sind und deswegen werde ich angesprochen. Aber zu dem Zeitpunkt war es halt so, dass Du die ganze Zeit Leute ansprechen musstest und wenn du dass noch nie gemacht hast, stehst Du da mit deiner Kamera: „Hey, habt ihr Lust ein Foto zu machen?“ Und dann hast du halt auch den Druck, dass du ein geiles Foto machst. Also es ist schon eine Überwindung gewesen, aber ich hab halt gemerkt dass es gepasst hat, es hat mir Spaß gemacht, ich bin gerne in Clubs, ich mache gerne Fotos, ich interagiere gerne mit Menschen. Und so hat alles begonnen.

Bis auf Amavi, Alpenmax und Savoy wie schätzt du ansonsten die Club- und Partyszene in Göttingen ein? Wo bist du privat feiern? Gehst du überhaupt selbst feiern wenn Du jedes Wochenende unterwegs bist?

Es ist anderes feiern als bevor ich angefangen habe mit den Fotos, was auch nicht eine solange Phase war, um ehrlich zu sein. Ich habe mit 18 angefangen Fotos in Clubs zu machen – man kennt die Barkeeper, man kennt die Besitzer. Es ist nicht feiern gehen, sondern ein Besuch bei guten Bekannten. Es hat immer etwas heimeliches wenn ich in Clubs komme.

Gehst du noch woanders hin?

Privat bin ich tatsächlich, wenn ich es hinkriege, sehr gerne in den JT Keller gegangen. Zum Feiern gehe ich gerne ins Stilbruch, früher ins Junge Theater jetzt in die Musa. Es sind eigentlich auch immer Leute da, die ich kenne in den Clubs, deswegen ist arbeiten für mich wie feiern gehen nur Fotos dabei machen.

Hast Du das Gefühl, dass die Partypeople dich mit deiner Kamera wahrnehmen, oder wie kannst du Situationen ohne das gestellte Foto-Posing machen?

Ich wage zu behaupten, dass ich sehr gut darin bin, mich Situationen anzupassen. Ich könnte jetzt auf eine Technoparty gehen und passe da 1A rein. Ich bin allgemein sehr offen, ich versuche immer alle Seiten zu verstehen. Was meine Klamotten angeht: Den einen Tag trage ich nur Trainingsjacke und eine Jogging Hose in Neon Farben und den anderen Tag trage ich den Wollpulli von meiner Mom. Ich bin auch schon im Jackett losgegangen in den Club aber es passt dann halt einfach mit einem schwarzen Rollkragen drunter, sieht halt einfach gut aus.

Du stylst dich entsprechend deiner Aufträge oder deiner Situation?

Natürlich. Wenn ich ins Savoy gehe, da ziehe ich mich mehr Streetstyle mäßig an. So was wie jetzt hätte ich für die Eröffnung vom Freigeist getragen, etwas gedämpfter. Das spiegelt sich glaube ich nicht nur in meiner Art wieder, wie ich mich anziehe, sondern auch wenn ich mit Leuten rede. In meiner Zeit in Rosdorf hinter den Höfen habe ich viel Scheiß, viele Schlägereien mitgekriegt und war selber nie irgendwie involviert darin. Schon durch die Erziehung von meiner Mom her, hatte ich gar kein Bock darauf. Weil ich schon immer so ein großer Typ war, hatte auch niemand Bock, sich mit mir zu hauen, deshalb war ich da immer raus. Ich hab das immer mitgekriegt und hab mit diesen Leuten auch interagiert. Deswegen kann ich mich jetzt gut mit solchen Leuten unterhalten. Die haben nicht das Gefühl, dass ich außen vor bin durch die Art wie ich rede. Aber ich könnte mich auch mit einem Anwalt hinsetzen und mit dem eine Stunde lang ein Gespräch führen. Ich glaube ich bin sozial sehr anpassungsfähig.

Hast Du eine Ausbildung gemacht, wenn du sagst dass du fotografierst seit dem du 18 bist?

Ich habe lange für mein Fachabi gebraucht. Damit war ich mit 20 etwa fertig – ich habe ein paar Extrarunden gedreht auf jeden Fall – und bin dann aus der Schule raus, hatte gar keinen Bock mehr irgendwas in die Richtung zu machen. Mittlerweile bin ich am überlegen, ob ich studieren sollte, aber ich denke mir, in diesem Milieu ist es einfach wichtiger, wenn man praktische Erfahrungen macht.

Wenn Du studieren wollen würdest, was wäre dann inhaltlich etwas, was dich interessieren würde? Kunst oder etwas ganz Anderes?

Es gibt viele Sachen, die mich interessieren, aber in denen ich einfach noch nicht gut genug bin, um das in Betracht zu ziehen. Mit klassischen Künsten kann ich nicht so viel anfangen, aber Architektur finde ich super geil, natürlich Fotografie, Modedesign, ob es Haute Couture ist oder einfach Streetfashion.

Woher beziehst Du deine Inspiration?

Ich weiß das hört sich klischeemäßig an, aber mit der Zeit ist es einfach so geworden, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss, was ich für Fotos mache. Letztens habe ich bei der Musa gegenüber vom Eingang mit meinem Cousin draußen gestanden und ich hab ein paar Leute gesehen, die mit dem Rücken auf so einer Bank saßen zu dem Geländer. Als Ich das gesehen habe, bin ich darunter gelaufen, hab mich hin gehockt und habe gesehen, dass diese Geländer alle ineinander passen und das in der Mitte dann das Sofa ist. Das fällt mir einfach so auf, darüber muss ich nicht nachdenken. Aber z.B. Virgil Abloh ist für mich eine sehr inspirierende Persönlichkeit. Es gibt allgemein viele interessante Leute in der Hip Hop Welt. Ich würde sagen, ich habe keine direkte Person die mich so krass beeinflusst hat, sondern eher das Genre des amerikanischen Hip Hop. Alles was da drum herum passiert, der Streetwear Faktor, die Musikvideos die gedreht werden dazu, dieses ganze künstlerische inspiriert mich einfach. Ob es Musik ist, ob es Videos sind, ob es Fotos sind ob es Streetfashion ist. Das ist so meine Inspirationswelt.

Wenn du träumen könntest – Du hast vorhin gesagt „wir sind das Netzwerk der Träumer“ – was ist dein Traum?

Ich würde gerne von meiner Kunst leben können. Das wäre schön. Unbeschwertheit die durch meine Kunst kommt. Dass ich meine Kunst leben kann. Im Endeffekt wünsche ich mir Freiheit, die ich mir durch meine Kunst schaffe. Das wäre mein Traum.

Wer ist eigentlich dein Held oder deine Heldin?

Natürlich meine Mom. Sie hat mich alleine groß gezogen. Es war nicht immer einfach. Alleine einen Jungen groß ziehen ist für eine Frau sicherlich auch manchmal kompliziert.

 

„Als ich dieses Foto geschossen und später bearbeitet habe, ging es so richtig los, dass ich gemerkt habe, was Fotos auslösen können. Sie sind Kunst.“