Mit ihren Pen & Paper-Rollenspiel-Events ziehen die Rocket Beans regelmäßig Tausende begeisterte Zuschauer vor die Bildschirme, und das mit einem eigentlich so simplen Konzept – der Fantasie. Vier Spieler sind lediglich mit Stift, Würfel und Papier bewaffnet, während ein eloquenter Spielleiter durch den Abend führt.

Text: Kristin Schild / Bild: Rocket Beans TV

Die Tachonadel steigt, der Wagen rast mit vollem Karacho durch die fiktive Stadt Endstation. Von allen Seiten stürmen Zombies auf die vier Helden ein, die nur mit Mühe und Not die Horden von sich abhalten können. Die Spannung ist spürbar, die Stimmen werden lauter, und Panik macht sich breit. Man könnte meinen, das Szenario stamme aus einem apokalyptischen Zombiefilm, aus Walking Dead oder einem Endzeit-Videospiel. Doch dem ist nicht so. Stattdessen sitzen lediglich fünf Personen an einem Tisch. Ein paar Snacks, Zettel, Stifte und einige für den Laien etwas kurios wirkende Würfel sind im Grunde die einzigen Utensilien, die für einen unterhaltsamen Zombieabend benötigt werden. Das Setting eines klassischen Pen & Paper-Abends unter Freunden könnte man meinen, nur dass die hier beschriebenen Spieler nicht allein um das Leben ihrer Charaktere fürchten, sondern zusätzlich noch über 30 000 andere Menschen, die das Spektakel über einen Livestream auf YouTube und Twitch mitverfolgen. Die abendlichen Pen & Paper-Events der Rocket Beans stehen in den Twitter-Trends ganz oben, und deutschlandweit treffen sich Fans zum Public Viewing. Auch in Göttingen wurde das neueste Abenteuer „Thabor“ von Florentin Will im LSG Konferenzraum der Uni zum ersten Mal in großer Runde geschaut.

Doch was genau verbirgt sich eigentlich dahinter? Und wie funktioniert eigentlich so ein Pen & Paper-Rollenspiel?

Nun, die bekanntesten Rollenspiele laufen vor allem auf Konsolen und PCs und ziehen mit ihren immer besser werdenden Grafiken weltweit Millionen Spieler an die Bildschirme. Andere verbinden mit dem Begriff Rollenspiel womöglich eine ganz andere Richtung, die sich vor allem in Schlafzimmern abspielt, wiederum anderen wird übel, wenn sie an die Rollenspiele in der Schule, der Uni oder im Job zurückdenken, in denen es um meist eher unangenehme Teambuilding-Maßnahmen ging. Doch Rollenspiel geht auch anders. Ganz simpel; mit Zettel, Stift, Papier und Fantasie. Das Konzept eines klassischen Pen & Paper-Rollenspiels ist nämlich ganz einfach und funktioniert im Grunde wie ein Videospiel, nur auf Papier. In einem bestimmten Setting spielen sich die Spieler durch ein fiktives Abenteuer. Ihre selbst erdachten Charaktere haben dabei jeweils bestimmte Eigenschaften und Attribute, auf welche die Spieler im Laufe der Geschichte würfeln müssen. Entscheiden sie sich beispielsweise dazu, bei einer Flucht auf einen Baum zu klettern, müssen sie zunächst auf die Fähigkeit „klettern“ würfeln. Schaffen sie den Wurf nicht, so scheitern sie auch am Klettern, und der Spielleiter sorgt für die dementsprechenden Konsequenzen. Während eines Abenteuers stehen den Charakteren mehrere Wege zur Verfügung, bestimmte Aufgaben zu lösen; dabei sind ihrer Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Voraussetzung ist lediglich, dass die Entscheidungen zu ihren Charakteren passen und sie in gewissem Maße realistisch nachzuvollziehen sind.

Pen & Paper-Abenteuer können für die Beteiligten also durchaus spannend und unterhaltsam sein – sind die Spieler zudem auch noch besonders eloquent, humorvoll und verfügen über eine gewisse Kameratauglichkeit, kann so ein Abend auch für Zuschauer pures Entertainment sein.

Ein wahrer Glücksgriff also für den Hamburger Internetsender Rocket Beans TV; denn mit ihren vier Gründern und Hauptmoderatoren Etienne Gardé, Nils Bomhoff, Daniel Budiman und Simon Krätschmer (allesamt bekannt aus GIGA und Game One), haben sie die perfekte P&P-Besetzung gefunden, die nicht nur unterhält, sondern die mit ihren kreativen Charakteren und deren Verkörperungen auch immer wieder etwas Neues, Skurriles und Unerwartetes in so ein Abenteuer mit einbringen. Die Rocket Beans Pen & Paper-Events sind daher schon lange kein Geheimtipp mehr. Unter dem Shownamen „Spitze Stifte“ laufen die beliebten Rollenspiel-Abende in unregelmäßigen Abständen auf ihrem 24-Stunden-Livestream und gehören zu den erfolgreichsten Shows ihres Senders. Das VOD zum Kurzevent „Was geschah auf Morriton Manor“, eine Detektivstory, die an die bei Pen & Paper- Spielern beliebten Call of Cthulhu-Geschichten angelehnt ist, wurde auf YouTube bereits über eine Million Mal angesehen.

Seit 2015 lassen sich die vier der fünf Gründungsmitglieder von Rocket Beans TV von Spielleiter Hauke Gerdes durch eine Vielzahl verschiedenster Settings leiten. Neben dem ersten und dem unter den Fans wohl beliebtesten Setting „TEARS“, welches in der Zombieapokalypse spielt und erst kürzlich zur Freude aller durch einen zweiten Teil erweitert wurde, schlugen sie sich in „BEARDS“ schon durch eine gefährliche und fiktive Wikinger-Welt, brachen in „Jailhouse Boogie“ spektakulär aus einem Gefängnis aus, jagten in „Morriton Manor“ Dämonen und Monster und deckten in „Dysnomia“ mehr oder weniger erfolgreich das Mysterium einer Raumstation auf.

Neben der Chaoten-Bande rund um Spielleiter Hauke wurde vor zwei Jahren eine zweite Pen & Paper-Gruppe gegründet. Unter Spielleiter Florentin Will (auch bekannt aus dem Neo Magazin Royale) verkörperten die Spieler in „9/11 – Animal Squad“ Känguru, Schnabeltier, Wolf und Rabe und versuchten, im Jahr 2001 den Anschlag auf das World Trade Center zu verhindern. Klingt kurios, ist es auch, aber dadurch nicht weniger amüsant, spannend und chaotisch.

Natürlich geht es in den P&P-Abenteuern bei den Rocket Beans vor allem um Spaß und weniger um Skill. Gerade in den Anfängen saß der ein oder andere Pen & Paper-Profi vermutlich kopfschüttelnd vor dem Bildschirm und sah zähneknirschend dabei zu, wie es die vier Spieler noch nicht einmal schafften, eine Hauswand unbeschadet hinunterzuklettern. Doch gerade diese gewisse Unbeholfenheit macht für viele Zuschauer den Reiz des Formates aus. Die Situationen sind unvorhersehbar, und man weiß eben nie, was passiert, auf welche kreativen Ideen die Spieler als Nächstes kommen oder welche unerwartete Wendung die Geschichte noch nimmt.

Die Abenteuer, durch die sich die „Bohnen“ in unregelmäßigen Abständen hindurchkämpfen müssen, stammen übrigens alle aus eigener Feder. Die beiden Spielleiter Hauke und Florentin nehmen jeweils bestimmte Rollenspielsysteme als Grundlage und spinnen eine selbst erdachte Geschichte drum herum, denken sich Orte und Charaktere aus und müssen für jede Entscheidung der Spieler einen plausiblen Ausgang mit einkalkulieren. Ohne ihre kreativen Ideen und ihre Fähigkeit, die meist eher unerfahrenen und anarchistischen Spieler-Gruppen anzuleiten, würden viele Abende entweder im puren Chaos enden, oder sie wären viel zu schnell vorbei, da sich die Spieler gleich zu Beginn in irgendwelchen Himmelfahrtskommandos selbst in die Luft jagen würden.

Einige Regelwerke dieser Abenteuer werden mittlerweile sogar als Download angeboten, was viele Rocket Beans-Zuschauer dazu ermutigt, das Pen & Paper-Rollenspiel mit dem Freundeskreis einmal selbst auszuprobieren. Das originale Regelwerk zum zweiten Teil von „TEARS“ wurde als Box mitsamt illustrierten Spielkarten, gebundener Ausgabe der Geschichte und Charakterbögen im Online-Shop angeboten und war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, so dass die Auflage von 5000 Boxen noch einmal erhöht werden musste. Mit einem solch großen Interesse haben wohl auch die „Bohnen“ nicht gerechnet.

Bei den Rocket Beans hat das eher „nischige“ Pen & Paper-Rollenspiel eine Plattform bekommen, auf der es nicht nur eine Menge neuer Fans dieses Genres generiert, sondern vor allem auch beste Unterhaltung für die Zuschauer bietet. Auch andere bekannte Streamer, wie zum Beispiel „Piet Smiet“, haben das Potenzial des öffentlich gespielten Rollenspiels für sich entdeckt und ein „Southpark“-Abenteuer ins Leben gerufen.

Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender haben auf FUNK, ihrem online-Medienangebot für junge Erwachsene, ein Pen & Paper-Format laufen. Ein gewisser Bildungsauftrag darf hier allerdings nicht fehlen, denn Grundlagen der Abenteuer sind real existierende geschichtliche Hintergründe, wie zum Beispiel der Dreißigjährige Krieg oder der Ausbruch der Pest.  

Der Staub des etwas in die Jahre gekommen Pen & Paper-Rollenspiels bröckelt also so langsam ab und enthüllt ein durchaus unterhaltsames und YouTube-geeignetes Format, das von Folge zu Folge zeigt, dass es tatsächlich doch nicht immer Feuer, Action, Ballerei und Co. benötigt, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen – manchmal reichen auch einfach eine schöne Geschichte, skurrile Charaktere und die Fantasie von Spielern und Zuschauern.

Und wer wissen will, wie der spektakuläre Zombieangriff auf das fahrende Auto ausgegangen ist, der schaut am besten selbst einmal rein. Es lohnt sich!