Das Hafven in Hannover zeigt eindrucksvoll, wie sich die Zukunft der Arbeit aktuell entwickelt. Coworking oder MakerSpace sind hier bereits Worte der Vergangenheit – die Community ist das neue Schwarz.

Text: Ulrich Drees, Foto: Nordstadtlicht

 

Momentan ist in der Öffentlichkeit viel über Digitalisierung und Industrie 4.0 zu hören; hinter diesen oft auf Zukunftsperspektiven ausgerichteten Schlagworten kommt es aber schon jetzt zu einem ganz konkreten Phänomen: Unsere Arbeit verändert sich.

Und das in einem Maße, wie vermutlich seit der industriellen Revolution nicht mehr. Nicht nur kreative Querköpfe gründen mit Notebooks von Garagen und Sofas aus erfolgreiche Start-ups, quer durch alle Branchen verändert sich die Art, wie und in welcher Umgebung wir arbeiten wollen. Ob Homeoffice, beim Coworking oder im Café um die Ecke – immer mehr Menschen, aber auch Unternehmen entdecken die Möglichkeiten jenseits von normierten Großraumbüros und Stechuhren.

Ein Ausdruck dieser Entwicklung sind die Coworking-Spaces, die inzwischen auch in Göttingen Einzug gehalten haben, ein anderer sind beispielsweise die MakerSpaces oder FabLabs, in denen, einfach ausgedrückt, Werkzeuge und Maschinen vom 3-D-Drucker über CNC-Fräsen bis zur Bohrmaschine für eine gemeinschaftliche Nutzung bereitgehalten werden. Beide Formen mögen sich zwar im Umfeld kreativer Szenen entwickelt haben, die nach neuen Grundlagen für ihre Zusammenarbeit suchten, finden sich aber inzwischen in vielen unterschiedlichen Ausprägungen – Coworking bei ProOffice sieht in Göttingen beispielsweise gänzlich anders aus als das neue Coworking-Angebot in der KreativEtage der musa. Und wenn nach entsprechenden Machbarkeitsstudien aus dem Jahr 2015 in der Göttinger Stadtbibliothek ein MakerSpace entstünde, sähe der sicher ganz anders aus als Göttingens erster MakerSpace, der 2016 mit zwei 3D-Druckern in der Bereichsbibliothek Medizin der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek eingerichtet wurde oder der MakerSpace, der im Rahmen des Südniedersächsischen Innovationscampus (SNIC) diskutiert wird.

Wohin diese Entwicklung führen kann, das lässt sich in Hannover im Hafven anschaulich beobachten. Hier ist aus dem Zusammenwachsen des Coworking-Space „Edelstall“ und dem MakerSpace „Die Werke“ – beide gegründet von Enthusiasten, die sich ihre eigenen Vorstellungen von ihrer Arbeitsumgebung erschaffen wollten – im September 2016 etwas entstanden, das heute wie ein Blick in die Zukunft der Arbeitswelt wirkt.

Das Hafven – betrieben von der gleichnamigen GmbH & Co. KG. – sieht sich heute nämlich längst nicht mehr als Coworking oder MakerSpace. Darüber ist man in der Kopernikusstraße 14 in Hannover inzwischen hinweg. Dort entstand nämlich ein architektonisch beeindruckendes Gebäude – finanziert durch ein 5-Millionen-Euro-Investment eines der Hafven-Begründer – das bewusst als offene Umgebung für die Entwicklung der unterschiedlichsten Angebote entworfen wurde.

Hier ist es dem Hafven-Team in den letzten anderthalb Jahren gelungen, eine überraschend große Community zu versammeln. Waren es bei der Gründung des Edelstall 2011 noch fünf bis sechs Personen, die sich ohne eigene Büroräume selbstständig machen wollten und deshalb begannen, ihre Freunde zu „verhaften“, um sich gemeinsam die Miete für ihren Arbeitsort leisten zu können, sind es heute deutlich über 900 Menschen, die als Mitglieder über gestaffelte Beitragssätze am Hafven teilhaben. Jeder Einzelne kann dann für sich entscheiden, ob er für monatlich zehn Euro einen Tag lang die Angebote des Hafven nutzen möchte oder mit dem Basis-„Resident“ für monatliche 90 Euro durchgängig kommen kann. Natürlich sind nicht alle gleichzeitig da, das wäre bei rund 80 Büroarbeitsplätzen auch nicht zu organisieren. Rund 300 der Mitglieder kommen jedoch regelmäßig zum Arbeiten ins Hafven, weitere 600 kommen seltener bis selten, um die Angebote des Hafven zu nutzen.

Und von denen finden sich auf den 2 000 m² in der Kopernikusstraße reichlich. Büroarbeitsplätze, Besprechungs- und Workshopräume, ein FabLab, Holz- und Metallwerkstätten und ein eigenes Café bieten reichlich Platz für Arbeit, Hobby und Leben. In der Hafven-Community finden sich übrigens keinesfalls nur die klassischen Kreativen oder Solo-Selbstständigen, wie man sie in solch einer Umgebung vermuten könnte, sondern längst auch Angestellte, Start-ups und sogar Konzerne sind über einen eigenen Tarif als Mitglieder dabei. Sie alle vereint das Interesse, gemeinsam zu machen, zu lernen und zu inspirieren – das bereits das Gründungsteam des Hafven zusammenführte. Die Mitarbeiter des Hafven sind nämlich auch auf der Basis ihrer Erfahrungen bis heute davon überzeugt, dass all das nicht nur viel mehr Spaß macht, sondern sowieso viel besser funktioniert, wenn man es mit möglichst vielen unterschiedlichen Menschen gemeinsam tun kann. Und genau deshalb sind Versicherungsmakler im Hafven ebenso gern gesehen wie Journalisten, Software-Entwickler, kleine Teams von Konzernmitarbeitern, wie z. B. von Bosch oder der Salzgitter AG, oder manchmal auch einfach der Tüftler aus der Nachbarschaft.

Über das Angebot, in einer möglichst angenehmen Atmosphäre ihrer Arbeit nachgehen zu können, experimentiert das Hafven aber noch auf weiteren Gebieten. Man versteht sich bewusst als Labor, in dem sich Themen wie DIY, digitale Transformation, disruptive Technologien, dezentrale Organisations- und Produktionsformen und Arbeiten 4.0 ausprobieren lassen. Für die nachhaltige Selbstversorgung des Cafés sollen beispielsweise auf den Terrassen des Gebäudes per Urban Gardening eigene Produkte angeboten werden; das Hafven plant, seinen Mitgliedern eigene Stromtarif- und Mobilitätsangebote machen zu können, und schon jetzt sind in begrenztem Umfang Übernachtungen möglich.

„In unseren Strategiegesprächen reden wir inzwischen eher über eine Art Village“, beschreibt Jonas Lindemann, einer der Hafven Geschäftsführer, eine mögliche Zukunft des Hafven. „Wir machen unseren Mitgliedern Angebote, die sie ganz nach ihren individuellen Wünschen nutzen können, um sich auf ihre jeweiligen Anliegen zu konzentrieren.“

Gleichzeitig versteht sich das Hafven-Team selbst noch als Start-up. Niemand ist sich ganz sicher, wohin sich das Projekt entwickeln wird. Nach wie vor feilt jedes Team-Mitglied jeden Tag aufs Neue daran, die gemeinsame Geschäftsidee positiv auszugestalten, und kontinuierlich kommen neue Geschäftsbereiche hinzu, mit denen dann andere Bereiche, wie etwa die offene Werkstatt, querfinanziert werden, die zwar keine Gewinne erwirtschaften, als Teil des Gesamtkonzepts aber eine wichtige Funktion erfüllen.

Angesichts all dieser inspirierenden Ansätze gerät manchmal tatsächlich in Vergessenheit, dass es sich beim Hafven keineswegs um eine gemeinnützige Zukunftswerkstatt, sondern um ein privatwirtschaftlich organisiertes Unternehmen handelt, das sich über ganz verschiedene Dienstleistungen finanziert. Dabei spielen z. B. auch die jährlich mehr als 200 Workshops, Seminare oder anderen Formen von Wissensvermittlung eine wichtige Rolle. In den Werkstattbereichen wird der Umgang mit Maschinen und Werkstoffen vermittelt, in Kooperation mit öffentlichen Institutionen beispielsweise auch bei der Qualifikation von Flüchtlingen für den Arbeitsmarkt. Die Hafven-Experten betreuen aber auch im Rahmen eines Accelerator-Programms in Zusammenarbeit mit verschiedenen anderen Akteuren wie der Madsack Mediengruppe Hannover oder der Nord/LB Start-ups – aktuell beispielsweise vier junge Gründerteams – und verkaufen darüber hinaus ihre eigenen Ideen und Erfahrungen mit ihren breit aufgestellten Arbeitsfeldern auf ganz verschiedenen Ebenen.

„Es ist bemerkenswert“, erläutert Pauline Raczkowski, im 30-köpfigen Team des Hafven zuständig für den Bereich Communication, „dass uns oft abgesprochen wird, einem Businessgedanken zu folgen, weil es bei uns nach Spielplatz und Spaß aussieht. Aber wir hinterfragen ja genau diese tradierte Vorstellung von Arbeit: Muss ich eine bestimmte Kluft anhaben und im kalten Büroraum sitzen, um Business zu machen, oder ist es auch anders möglich?“

In diesem Schnittmengenbereich von Business- und Konzernkultur, Digitalisierung und neuen Arbeitswelten zeigt sich ganz besonders deutlich, wo sich die Veränderungen gegenwärtig abspielen. Wenn große Unternehmen ihre Mitarbeiter in das Hafven schicken, um dort zu arbeiten, dann ist das nicht als Bonus-Kurzurlaub gedacht, sondern als Bestreben, an neuen Abläufen des Denkens und Arbeitens teilzuhaben und diese in die eigenen Prozesse zu integrieren, um sich so einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Nicht umsonst gilt das Hafven nicht nur in der Eigenwahrnehmung als super agiles Unternehmen, das in einer Art und Weise arbeitet, die auch für große Konzerne eine Vorbildfunktion besitzt. Denn hier hat sich eine Kultur des „Möglichmachens“ und der Innovation entwickelt, die hier täglich und ganz selbstverständlich von einer großen, sehr unterschiedlichen Gemeinschaft gelebt wird.

„Die Verantwortlichen“, erläutert Pauline Raczkowski, „reizt es ganz einfach, ihre Mitarbeiter an einem Ort arbeiten zu lassen, an dem Architektur, Gemeinschaft und Atmosphäre quasi das Dasein verändern. Die Menschen, die hier zusammenkommen sind die Changemaker, die von Beginn an so arbeiten und diese spezifische neue Arbeitsform auf den Weg gebracht haben. Insofern sind wir kein Stadtteilprojekt, auch kein hannoversches Projekt, sondern ein Teil einer internationalen Kultur, die die Zukunft der Arbeit neu denken möchte.“

Was selbstbewusst klingt, wirkt angesichts der Atmosphäre des Hafvens schnell nachvollziehbar. Hier ist spürbar, dass sich eine sehr organische und authentische Entwicklung vollzieht. Unternehmerische Agilität wird hier nicht als Zielvorgabe ausgegeben, sondern scheint sich tatsächlich aus dem alltäglichen Zusammentreffen so vieler unterschiedlicher Ideen und Herangehensweisen von ganz allein zu entwickeln.

Ein weiterer sehr spezifischer Aspekt des Hafvens ergibt sich aus dem harmonischen Miteinander von zwei Arbeitsbereichen, die für gewöhnlich ebenfalls eher getrennt gedacht werden: Werkstatt und Schreibtisch. Denn wenn, wie im letzten Jahr, im Rahmen eines Projektes im Hafven Designer Produkte entwickeln, in den Werkstätten davon Prototypen herstellen und diese dann in kleinen Auflagen produzieren, dann ist das plötzlich eine Micro-Factory, die so für gewöhnlich weder in der Industrie noch im Handwerk zu finden ist.

„Dabei geht es um mehr, als einen speziellen Hocker herzustellen“, erläutert Pauline Raczkowski. „Es geht um gesellschaftlich und wirtschaftlich relevante Fragestellungen der Produktion, die wir hier im Kleinen ausprobieren können. Deshalb mag ich die Vorstellung, dass Hafven ein Labor der Möglichkeiten ist, in dem wir etwas einfach tun, statt es nur für die Schublade zu planen.“

Bleibt die Frage, wie sich bei so viel Flexibilität, Ausprobieren, Neu-Denken und Experimentierfreude ein Unternehmen – als das sich das Hafven ja versteht – langfristig erfolgreich auf Kurs halten lässt. Für die Verantwortlichen stellt sich diese Frage jedoch nicht in diesem Sinne; denn Vielfalt ist für sie Selbstverständnis. Und die daraus resultierende Herausforderung anzunehmen, gehört eben zu den Erfahrungen, die man als Start-up bewusst machen will. Beispielsweise, in dem man darüber nachdenkt, eine Art „Booklet“ zu erstellen, indem jedes Teammitglied, das gerade ein bestimmtes Thema ausprobiert, dieses dokumentiert und dann entscheidet, ob es Sinn macht, es weiterzuverfolgen. Welche Themen sich in diesem Booklet jeweils wiederfinden, das ergibt sich dann daraus, was gerade im Haus geschieht – aktuell beispielsweise eine starke Ausrichtung auf Start-ups und „Smart City“-Aspekte. So werden Themen nicht deshalb auf die Agenda gesetzt, weil sie gerade hip erscheinen, sondern weil sie tatsächlich vor Ort bearbeitet werden.

Wo Menschen zusammenkommen, da gibt es natürlich auch Konflikte. Wie ist das im Hafven? Die Antwort lautet: nicht anders als anderswo auch. Es gibt Grundregeln und eine Vertrauensbasis. Niemand rennt mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend, und wenn Konflikte auftauchen, werden diese so freundschaftlich wie möglich geklärt, was gut funktioniert, auch weil das Team des Hafven stets sehr sichtbar und präsent unterwegs ist und viel Wert darauf legt, genau die freundschaftliche, gemeinschaftliche Kultur zu pflegen, die das Hafven ausmachen soll. Und an dieser Stelle zeigt sich auch eines der Erfolgsgeheimnisse des Hafvens. Denn die Erkenntnis, dass es ganz unabhängig vom Ort und seinen Möglichkeiten zuallererst die funktionierende Community ist, die über Wohl und Wehe des Hafven entscheidet, ist eine ganz zentrale. Deshalb gibt es einen durchgängig besetzten „Help-Desk“ für Fragestellungen und Orientierung aller Art, der eigens von einem kleinen Team gemanagt wird, und ein ebenso wichtiges dreiköpfiges Community-Team, das sich um Netzwerkveranstaltungen wie das Community-Frühstück und Ähnliches kümmert und sich darum bemüht, die Menschen im Hafven auch wirklich zusammenzubringen. Dieser gezielte Aufwand ist eine Investition, die gewährleistet, dass die Hafven-Gemeinschaft funktioniert und wächst; denn „Ohne seine Menschen wäre der Hafven auch nur eine Betonhalle“, fasst Pauline Raczkowski ziemlich treffend zusammen.