Die Freundin zickt, der Chef nervt, und der Computer macht auch nicht, was er soll? An solchen Tagen würden wir unserem Frust gern Luft machen. In Rage Rooms ist das kein Problem. Trends+Fun erklärt das Konzept.

Text: Helena Muhm, Foto: iStock

 

Der Partner bricht einen Streit vom Zaun, und das bereits vor dem Frühstück. An der Arbeit meckert der Chef wegen nahender Abgabefristen. Die eigensinnige Technik streikt mal wieder, und zu allem Überfluss gibt die alte Karre auf dem Nachhauseweg auch noch endgültig den Geist auf. Wenn alles auf einmal kommt, liegen die Nerven schnell blank, und unter der Oberfläche beginnt es gewaltig zu brodeln. Doch was passiert eigentlich mit mir, wenn in meinem Körper langsam, aber sicher ein Gefühl der Wut hochkocht? Wenn wir wütend werden, versetzt das unseren Körper in Alarmbereitschaft. Verantwortlich dafür ist das sympathische Nervensystem. Es bereitet uns auf Kampf oder Flucht vor: Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin werden ausgeschüttet. Puls, Blutdruck und Muskelspannung steigen. Die Atmung wird flacher. Uns wird warm, da die Blutgefäße an der Hautoberfläche stärker durchblutet werden. Jeder kennt diese Symptome, aber natürlich können wir unserer Wut nicht immer freien Laufen lassen, erst recht nicht mit Gewalt. Doch die Sehnsucht, einfach mal ordentlich auszurasten, ist groß …

Wer sich darin wiedererkennt, muss sich allerdings keine allzu großen Sorgen machen, denn es kann geholfen werden! Wie wäre es zum Beispiel mit einer Abrissparty? Wie der Name schon sagt: Alles muss abgerissen werden! Egal wie, Hauptsache es bleibt kein Stein auf dem anderen. Natürlich sollte das Ganze nicht in der eigenen Wohnung veranstaltet werden, wenn man nicht gerade vorhat, auszuziehen. Locations, die sich für eine solche Party anbieten, wären eine alte Fabrikhalle, ein alter Gebäudeteil, der renoviert werden muss, oder ein baufälliges Gebäude. Für diejenigen, die sich über die Location keine Gedanken machen wollen, haben wir auch schon eine Lösung parat: In sogenannten „Rage Rooms“, alternativ auch „Anger Rooms“ oder „Crash Rooms“ genannt, darf nach Herzenslust gebrüllt, gewütet und zerstört werden. Das Konzept mit Zerstörungsgarantie, dessen Bezeichnung sich aus den englischen Wörtern für „Wut“ und „Raum“ zusammensetzt, wurde ursprünglich in den USA erfunden – genauer gesagt, im amerikanischen Dallas. Dort eröffnete Donna Alexander in 2008 den ersten Wutraum weltweit. Früher lebte sie in Chicago, wo sie vor dem Hintergrund der rauen Großstadtwirklichkeit bereits mit 16 Jahren diese Idee entwickelte. Heute vermietet sie eine Räumlichkeit, in der Menschen ihre aufgestauten Aggressionen völlig legal und ungebremst abreagieren können.

Der Wutraum wird mit allem ausgestattet, was gestresste Zeitgenossen gern einmal zertrümmern möchten. Das können technische Gerätschaften oder auch veraltetes Mobiliar sein – ganz so, wie es der Kunde wünscht. Besonders beliebt sind hierbei aber vor allem Computer und Drucker. Nicht verwunderlich, denn wer hat nicht schon einmal, nach der zehnten erfolglosen Treiberinstallation, mit dem Gedanken gespielt, das elende Ding einfach mit einem Hammer in Millionen kleinste Teilchen zu zerschlagen? Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um eine neuwertige Ausstattung, sondern um Sachen, welche die Betreiberin vom Sperrmüll organisiert oder in Secondhandläden erworben hat. Oftmals bringen Besucher auch Fotos von der Person mit, auf die sie gerade so richtig wütend sind, oder schreiben deren Namen auf Gegenstände, die sie hinterher zerstören. Euch kommt sicherlich auch jemand in den Sinn, während ihr diese Zeilen lest. Ihr möchtet vielmehr ein ungeliebtes Objekt zerlegen? Vielleicht das alte Geschirrset mit den hässlichen Blumen, das euch Mama gutherzig zum Einzug in die neue Wohnung geschenkt hat? Oder den Porzellanteddy vom Ex, den ihr mal so niedlich gefunden habt? Natürlich könntet ihr auch mit einer Axt auf das Telefon einschlagen, dass ständig die Verbindung verliert und euch damit unheimlich nervt.

Bevor das Drauflosschlagen allerdings losgehen kann, muss natürlich zur eigenen Sicherheit eine Schutzkleidung – das heißt Overall, Handschuhe, Helm sowie Schutzbrille – angelegt werden. Die Besucher des Rage Rooms werden dann mit einem Baseballschläger ausgestattet, und schon können sie das Mobiliar nach Herzenslust kurz und klein schlagen. Vermietet und berechnet wird immer für einen Zeitraum von 5, 15 oder 25 Minuten. Die fünfminütige Aggressionstherapie kostet dann zum Beispiel 25 US-Dollar. Gegen einen Aufpreis kann der Kunde sich seinen Wutausbruch auf Video aufzeichnen, auf DVD brennen oder als Videoclip per E-Mail zuschicken lassen – so hat er eine Erinnerung an dieses einzigartige Erlebnis und kann sich seinen Wutausbruch jederzeit erneut ansehen. Jede erwachsene Person ab 18 Jahren hat die Möglichkeit, das Angebot von Donna Alexander zu buchen. Die junge Frau lebt – wie man sich vorstellen kann – recht gut von ihrer Geschäftsidee. Schließlich sind wir alle irgendwann einmal unheimlich wütend. Inzwischen gibt es Wuträume auf der ganzen Welt. In Japan, Budapest, ja, sogar in Buenos Aires zahlen Menschen dafür, eine intakte Einrichtung in ein Trümmerfeld verwandeln zu dürfen. Dabei bleibt keine Zerstörungsfantasie unerfüllt. Vom Wohnzimmer im Modell Wirtschaftswunder, inklusive der klobigen Holzschränke, gepolsterter Stühle und des alten Röhrenfernsehers, bis hin zum gut ausgestatten Büroraum, samt gefüllten Aktenschränken und dem so verhassten Drucker, ist alles dabei.

Selbst bei uns hat das hemmungslose Dampfablassen Einzug gehalten. Zum Glück, denn schließlich sind die Deutschen für ihre besonders niedrige Stressresistenz bekannt. Wuträume gibt es beispielsweise in Berlin, Nürnberg und München. Der erste Rage Room Deutschlands entstand allerdings im August 2014 in Halle an der Saale. „Schlag dich fit“ heißt das Projekt dort. Angefangen hat alles mit einer leer stehenden Schlachtfabrik. Die beiden Freunde Marcel Braun und Ronny Rühmland mieteten das Gebäude an, um sich den Traum der Selbstständigkeit zu erfüllen. Zuvor hatten sie im Internet von dem Wutraum im texanischen Dallas gehört. Der gestresste Kunde mit dem Drang zur mutwilligen Zerstörung darf dort, natürlich ausschließlich in Schutzkleidung, für 40 Euro sogar ein Auto zertrümmern. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass ein Paar am Valentinstag dort erst bei Kerzenschein gegessen habe, um danach alles zu zerschlagen, sagt der Rage-Room-Betreiber Rühmland. Als Werkzeuge stehen dafür wahlweise Baseballschläger, Vorschlaghammer oder Golfschläger zur Verfügung. Welche Musik das blinde Zerstören untermalt, dürfen sich die Kunden aussuchen. Heavy Metal wird jedoch meist dem ruhigeren Soul vorgezogen; schließlich braucht man schon ein wenig Wumms dahinter, wenn man sich eine halbe Stunde lang körperlich auspowert. Läuft die Musik, gibt es nur eine Aufgabe: alles zerstören.

Die Zielgruppe solcher Rage Rooms ist bunt gemischt. Vom abenteuerlustigen Studenten, der das Ganze als Spaß ansieht, bis hin zum ausgebrannten Chefarzt, der ernsthaften Stress zu bewältigen hat, ist alles dabei. Doch wer denkt, hier träfe man nur Männer, hat weit gefehlt: Tatsächlich sieht man hier mehr Frauen, denn auch denen bereitet das Teilzeitausrasten jede Menge Spaß! Von Gruppen werden Wuträume für die verschiedensten Anlässe gebucht – egal, ob für einen Junggesellenabschied oder einen Geburtstag, den Männerabend oder die Scheidungsparty. Natürlich könnt ihr das garantiert nicht gewaltfreie Vergnügen auch an gestresste Mitmenschen aus eurem Freundeskreis verschenken. Der Beschenkte freut sich bestimmt!

Hören Stressgeplagte erstmals von der Idee der Wuträume, sind sie natürlich hellauf begeistert. Schon lange brodelnde Aggressionen mal eben ohne Rücksicht auf Verluste entladen und keinerlei Verpflichtung, das verursachte Chaos hinterher wieder aufräumen zu müssen? Klingt prima! Psychologen sind bei diesem Thema allerdings eher geteilter Meinung. Die einen sehen Wuträume als ein gutes Ventil für Menschen, die ihre Emotionen generell gut unter Kontrolle halten können. Andere mahnen zur Vorsicht, denn Studien belegen, dass Menschen, die sich in einem solchen Wutraum ausgetobt und sich dabei gut gefühlt haben, hinterher bei entsprechenden Gelegenheiten mehr Aggressionen zeigen. Psychologin Barbara Krahé von der Universität Potsdam bezeichnet diese Erscheinung als „Selbstbelohnungsmechanismus für aggressives Verhalten“.

Ob förderlich für den generellen Aggressionsabbau oder nicht, eine interessante Erfahrung ist das grenzenlose Austoben in einem Wutraum mit Sicherheit.

 

Eindrücke aus unterschiedlichen Wuträumen:

Der Berliner Kurier testet Berlins erstes Wutzimmer
www.youtube.com/watch?v=93W0-J4_90U

Antenne Bayern im Wutraum München
www.youtube.com/watch?v=5PlM4oEVpJ4

Der „Anger Room“ in Dallas
www.youtube.com/watch?v=sidSh19G0ME